Was macht eine Landschaft schön?

Wenn alles zusammen passt

Gut oder schlecht, schön oder hässlich? Einigkeit lässt sich mit Sicherheit darüber erzielen, dass Landschaften uns berühren und dass Windräder das Bild verändern.
Der Landschaft selbst ist Wandel nichts Fremdes. Uns manchmal schon.

Es gibt Landschaften, an denen wir nicht einfach vorbeifahren. Wir halten an, steigen aus und schauen. Andere ziehen am Auto- oder Zugfenster vorbei, ohne dass wir ihnen besondere Aufmerksamkeit schenken. Manche berühren uns mit ihrer Weite, andere mit ihrer Kargheit. Und manchmal genügt schon ein einzelnes neues Element wie ein Windrad, damit eine über viele Jahre vertraut gewordene Landschaft plötzlich fremd wirkt. Da steht es, das Windrad. Mehr als zweihundert Meter ragt es in den Himmel. Selbst die höchsten Bäume des Waldes daneben wirken klein. Für die einen ist es Sinnbild einer gelungenen Energiewende. Für die anderen stört es das Landschaftsbild. Bemerkenswert ist, dass sich nicht nur die Landschaft verändert, sondern auch unser Blick auf sie. Wer heute Anfang dreißig ist, kennt viele Regionen Deutschlands gar nicht mehr ohne Windräder. „Ist ein Windrad seit der Kindheit Teil einer Landschaft, wird es oft gar nicht mehr als Störfaktor wahrgenommen“, sagt auch der Landschaftsarchitekt Prof. Dr. Sören Schöbel Rutschmann von der Technischen Universität München. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Windräder schön oder hässlich sind. Sondern:

Was macht eine Landschaft schön?

Die Antwort beginnt dort, wo wir genauer hinschauen. Landschaften sind keine Momentaufnahmen. Sie verändern sich ständig – auf natürliche Weise und auch durch den Einfluss des Menschen. Wälder wandeln sich, Flüsse verändern ihren Lauf, Moore werden trockengelegt und wiedervernässt, Felder zusammengelegt, Hecken gerodet und Jahrzehnte später neu gepflanzt. Jede Generation hinterlässt ihre Spuren. Wer heute durch eine Landschaft in Deutschland geht, blickt auf das Ergebnis einer langen Geschichte. Alte Hohlwege erzählen von Handelswegen vergangener Jahrhunderte. Wallhecken in Schleswig-Holstein davon, wie Menschen sich gegen den Wind schützten. Trockenmauern in den Weinbergen an der Ahr zeugen von mühsamer Handarbeit und jahrhunderte- alter Weinkultur. Selbst moderne Elemente erzählen Geschichten. Windräder zeigen, wo der Wind zuverlässig weht. Dass wir Landschaft überhaupt nach ihrer Schönheit beurteilen, ist ein relativ junges Phänomen. Über Jahrhunderte galt sie vor allem als Lebensgrundlage. War der Boden fruchtbar? Gab es Wasser, Holz oder Weideland? Erst in der Renaissance begann sich der Blick zu verändern. Als der italienische Dichter Francesco Petrarca im Jahr 1336 den Mont Ventoux bestieg, tat er dies allein wegen der Aussicht. Sein Aufstieg gilt als Beginn einer neuen Wahrnehmung: Landschaft wurde erstmals um ihrer selbst oder ihrer Schönheit willen betrachtet. Die Faszination von Aussichten ist ungebrochen. Ausblicke sind etwas, was allgemein als schön wahrgenommen wird. Doch eine schöne Aussicht allein macht noch keine schöne Landschaft. Die Wirkung ist komplexer und umfasst alle Sinne. Alexander von Humboldt beschrieb Landschaft als den „Totalcharakter einer Erdgegend“. Dieser Gedanke wirkt bis heute nach. Landschaft entsteht aus dem Zusammenspiel von Natur, Geschichte und menschlicher Nutzung.

Genau diesen Zusammenhang versucht die Landschaftsplanung zu beschreiben. Das Bundesnaturschutzgesetz nennt den Dreiklang aus „Vielfalt, Eigenart und Schönheit“ als schützenswerte Merkmale einer Landschaft. Vielfalt meint dabei mehr als eine große Zahl unterschiedlicher Elemente. Felder, Wiesen, Hecken, kleine Wälder, Feuchtgebiete oder Feldraine schaffen Lebensraum für Tiere und Pflanzen und strukturieren die Landschaft. So wird sie lesbar. Ebenso wichtig ist ihre Eigenart. Sie beschreibt das Unverwechselbare eines Ortes. Die Wallhecken Schleswig-Holsteins oder die weiten kargen Hochflächen der Eifel besitzen jeweils einen ganz eigenen Charakter. Manchmal kann also auch das vermeintlich Hässliche, das Karge, die Leere und das Unwirtliche die Schönheit ausmachen. Schönheit entsteht deshalb nicht dadurch, dass Landschaften möglichst lieblich oder spektakulär aussehen oder eine große Vielfalt aufweisen, sondern dadurch, dass sie zu ihrem Ort passen und dass Klima, Topografie, Nutzung und Geschichte einen stimmigen Zusammenhang bilden. Doch genau an diesem Punkt beginnt eine neue Frage. Wenn Schönheit aus einem solchen Zusammenhang entsteht – was passiert dann, wenn neue Elemente hinzukommen? Windenergieanlagen, Photovoltaikfelder oder Agroforstsysteme verändern unsere Landschaften heute so grundlegend wie einst Eisenbahnlinien oder Strommasten. Verlieren Landschaften dadurch ihre Schönheit? Oder beginnt hier einfach ein neues Kapitel?

Schönheit lässt sich nicht vermessen

So überzeugend die Begriffe Vielfalt und Eigenart auch sind, sie beantworten noch nicht die entscheidende Frage: Wie entstehen die schönen Landschaften von morgen? Lange glaubte die Landschaftsplanung, darauf eine objektive Antwort finden zu können. Gehölze wurden gezählt, Sichtachsen vermessen und sogenannte Vielfaltswerte berechnet. Schönheit sollte wissenschaftlich erfasst werden. „Man hat versucht, Schönheit zu quantifizieren“, sagt Schöbel-Rutschmann. „Das hat zum Teil Stilblüten getrieben.“ Der Aufwand war groß, der Erkenntnisgewinn begrenzt. Denn auch die ausgefeiltesten Bewertungsverfahren konnten zwar beschreiben, warum eine Landschaft als besonders wertvoll gilt, sie beantworteten jedoch nicht die eigentliche Zukunftsfrage: Wie lässt sich eine Landschaft weiterentwickeln, ohne ihren Charakter, ihre Eigenart zu verlieren?
Für Schöbel-Rutschmann beginnt die Antwort mit einem Perspektivwechsel. „Die Energiewende ist eine Gestaltungsaufgabe.“ Der Satz wirkt zunächst überraschend. Schließlich wird über Windenergie meist technisch oder politisch diskutiert: über Abstände, Lärm oder Artenschutz. Schöbel-Rutschmann richtet den Blick auf etwas anderes. Nicht die einzelne Anlage steht im Mittelpunkt, sondern die Landschaft als Ganzes. „Wir machen keine Standortplanung. Wir machen Landschaftsplanung.“ Der Unterschied ist größer, als er zunächst klingt. Standortplanung sucht den besten Platz für ein einzelnes Bauwerk. Landschaftsplanung fragt, welche Geschichte eine Landschaft künftig erzählen soll. Neue Elemente werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs. Deshalb entwickelt Schöbel-Rutschmann mit seinem Team keine fertigen Landschaftsbilder. „Wir entwerfen keine Gemälde“, sagt er. „Wir entwickeln Regeln.“ Was zunächst abstrakt klingt, wird in den Bürgerwerkstätten seines Teams sehr konkret. Dort diskutieren Bürgerinnen und Bürger nicht darüber, ob genau dieses Windrad zehn Meter weiter links oder rechts stehen sollte. Stattdessen entwickeln sie gemeinsam Prinzipien dafür, wie sich neue Elemente in eine Landschaft einfügen können. Die Ergebnisse ähneln sich erstaunlich oft. Photovoltaikanlagen werden positiver bewertet, wenn sie in unmittelbarer Nähe eines landwirtschaftlichen Betriebs liegen. Dort gehören sie sichtbar zu einem Hof und wirken nicht zufällig in die Landschaft gesetzt. Windenergieanlagen werden eher akzeptiert, wenn sie sich an Geländekanten orientieren oder räumlich mit Gewerbegebieten verbunden sind. Andere Gruppen entwickeln Energiealleen entlang großer Verkehrsachsen oder greifen historische Landschaftsstrukturen auf, indem sie z. B. Photovoltaikanlagen ähnlich wie früher Heckenstrukturen entlang eines Feldwegs verlaufen lassen.

Mit dem Sinn verändert sich der Blick

Keines dieser Beispiele macht eine Landschaft automatisch schöner. Gemeinsam zeigen sie jedoch einen wichtigen Zusammenhang: Menschen akzeptieren Veränderungen leichter, wenn sie deren Sinn erkennen. Schöbel-Rutschmann spricht deshalb von „lesbaren, wahrnehmbaren und sinnstiftenden Energielandschaften“. Schönheit entsteht dann nicht dadurch, dass möglichst wenig verändert wird. Sie entsteht dort, wo Neues an Bestehendes anknüpft und Teil einer nachvollziehbaren Geschichte wird.
Gerade historische Kulturlandschaften können dabei wichtige Vorbilder sein. Nicht, weil sie möglichst originalgetreu wiederhergestellt werden sollten. Sondern weil sie zeigen, wie klug Landschaften über Jahrhunderte an ihre natürlichen Voraussetzungen angepasst wurden. Trockenmauern entstanden an steilen Hängen. Streuobstwiesen lagen meist nah an den Gehöften. Landschaften waren selten Zufallsprodukte. Sie waren durchdachte Antworten auf einen konkreten Ort. Darin liegt die wichtigste Botschaft für die Zukunft: Auch unsere Zeit wird Spuren hinterlassen, denn der Klimawandel und die Energiewende verlangen heute neue Antworten. Agroforstsysteme, neue Gehölzreihen oder klug platzierte Photovoltaikanlagen können weit mehr sein als technische Lösungen. Richtig geplant, knüpfen sie an die Logik einer Landschaft an und schreiben ihre Geschichte weiter, statt sie zu unterbrechen.

Ein gemeinsames Werk

Für Prof. Dr. Sören Schöbel-Rutschmann ist genau das die eigentliche Aufgabe der Landschaftsplanung. Sie sollte nicht versuchen, vergangene Landschaftsbilder zu konservieren oder zu reproduzieren, sondern gute Landschaften für die Zukunft zu entwerfen. Nicht als beliebige Ansammlung einzelner Elemente, sondern als sinnvolle Ganzheit. Landschaft, sagt er, sollte wieder „ein gemeinsames Werk“ werden.
Dieser Blick kann auch unser Verständnis von Schönheit verändern. Schön ist eine Landschaft dann nicht, weil sie möglichst ursprünglich ist oder möglichst spektakulär aussieht. Schön wird sie dort, wo ihre Geschichte lesbar bleibt, wo ihre Elemente zueinanderpassen und wo Neues nicht gegen das Alte arbeitet, sondern daran anknüpft. Wenn Wandel nicht als Verlust erlebt wird, wird er als stimmige Weiterentwicklung akzeptiert. Welche Geschichte unsere Landschaften künftig erzählen werden, liegt deshalb nicht allein in den Händen von Planer*innen, Landwirt*innen oder Politiker*innen. Sie ist eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe. Und vielleicht beginnt landschaftliche Schönheit genau dort: in dem Bewusstsein, dass wir nicht nur Betrachtende einer Landschaft sind, sondern Mitautor*innen ihrer Geschichte.

Bildnachweis: Bei den Bildern handelt es sich um einen Auszug aus der Printausgabe.
Adobe Stock: GraphixEra (Landschaft), Nadzeya Pakhomava (Papier), Animaflora PicsStock (Biogasanlage)

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